Der lange Streit um Grossvaters Stall

Immer mehr landwirtschaftliche Ökonomiebauten verlieren ihre Funktion. Was also tun? 
Umnutzen, sagen die einen, sich selbst überlassen, die anderen. Anatomie eines Gesinnungskampfes.

Kaum ein Dorf kennt sie nicht: Ställe, in denen die Grossväter Vieh und Futter unterbrachten, die von den Enkeln aber nicht mehr gebraucht werden. Die landwirtschaftliche Produktionsweise hat sich gewandelt. Ob in hohen Lagen oder in den Dorfkernen, die Tendenz ist: Viele Stallbauten verlieren ihre Funktion, was oftmals dazu führt, dass das Dach nicht mehr geflickt, der Verputz nicht erneuert wird. Sie verfallen. Und dann? Dann beginnt der Streit über das «Was» und das «Wie».


Umnutzen, sagen die einen, sich selbst überlassen, die anderen. Diese konträren Meinungen trafen in der letzten Parlamentssession aufeinander. Wieder einmal. Bei der Beratung der Standesinitiative für eine Lockerung der Umnutzungen von Stallbauten ausserhalb der Bauzone wiederholte der Rat eine Diskussion, die er bereits 2010 geführt hatte. Auch damals forderten bürgerliche Politiker, dass die Raumplanungsgesetze so anzupassen seien, dass Hürden für die Umnutzung solcher Objekte abgebaut werden. Die Regierung versprach, tätig zu werden, verwies aber darauf, dass der Bund das massgebende Raumplanungsgesetz (RPG) revidieren möchte und man abwarten müsse, wie dieses ausfallen würde.

Nun ist das Revisionsprojekt des Bundes aber ins Stocken geraten. Der CVP-Grossrat Reto Crameri hat das Heft in die Hand genommen und zum Mittel einer Standesinitiative gegriffen, wobei ihm 86 Grossräte folgten. Mit der Standesinitiative soll Druck aufgebaut werden, damit im Zuge der RPG-Revision die restriktiven Vorgaben des Bundes gelockert werden (siehe Kasten). Schützenhilfe bekommt Graubünden mittlerweile vom Kanton Wallis, der kürzlich eine gleichlautende Standesinitiative eingereicht hat.
Hinter dem Einsatz der Politiker stehen handfeste wirtschaftliche Interessen. Grossrat Crameri schrieb in seinem Auftrag: «Mit der Möglichkeit der Umnutzung soll neben dem Landschaftsbild der Werterhalt dieser Bauten und Anlagen sichergestellt werden.» Doch wird Grossvaters Stall zu Wohnzwecken umbaubar, bleibt sein Wert nicht einfach nur erhalten – er steigt schlagartig.

Für eine Untersuchung des heu
te als Immobilienhändler tätigen Lumbreiners Gian Derungs wurden 2009 – also vor der Zweitwohnungsinitiative – potenzielle Maiensässkäufer auf ihre Zahlungsbereitschaft für nicht ausgebaute Maiensässe, also Ställe, befragt. Im Mittel wären sie bereit gewesen, 50 000 Franken für ein solches Objekt auf den Tisch zu legen, gesetzt der Fall, dass sie es zu Wohnzwecken ausbauen könnten. Allein für das Lugnez errechnete Derungs in seiner Bachelorarbeit eine einmalige Wertschöpfung von vier bis neun Millionen Franken durch den sprunghaften Anstieg der Verkaufserlöse. Kantonsweit wären an die 20 000 Ställe betroffen, hiess es 2011 im Parlament.

Natürlich argumentieren die Befürworter einer Lockerung nicht in erster Linie monetär. Ihnen sind verfallende Tenne, Schober und Scheunen ein Dorn im Auge, sie sorgen sich ob der ein-
gefallenen Dächer und windschiefen Wände um das Landschaftsbild. Statt die von den Vorvätern mühsam errichteten Strick- und Blockbauten einfach abgehen zu lassen, möchten sie sie retten – und dazu muss man ihren Zweck ändern können. «Geht nicht», sagen die Gegner, im Grossen Rat vornehmlich links beheimatet. Eine der grossen Errungenschaften der Raumplanung sei die strikte Trennung von Bau- und Nichtbauzone, daran dürfe nicht gerüttelt werden. Ohnehin bestünden bereits heute Instrumente, um Ställe zu bewahren. Doch die Mehrheit wollte nicht hören.
Die Frage nach dem «Wie»
«Massvoll umnutzen», so formulierte Grossrat Crameri in seinem Auftrag, wie er sich die Lockerung des RPG vorstellt. In einem Radiointerview beschwichtigte er und versprach, dass es keine neue Strassen und keine neuen Zuleitungen geben werde. Mit «massvoll» meinte Crameri aber auch noch etwas anderes: Umgebaut wird so, dass das Erscheinungsbild des Baues nicht verändert wird. Nenis Stall soll wie ein Stall aussehen, auch wenn er Wohnung geworden ist. Propagiert wird diese sich an der Tradition orientierende Bauweise etwa von Peter Tarnutzer und seinem Verein für Raumentwicklung Kultur und Landschaft (Rakul).

Anders sieht es der Bündner Heimatschutz. Als Reaktion auf 
die Standesinitiative teilte er mit: «Durch die Umnutzung der einzelnen Bauten zu Ferienzwecken kann die Ursprünglichkeit einer Kulturlandschaft niemals erhalten werden.» Hinzu komme, dass eine Zweckänderung architektonisch schwer zu bewältigen sei, da sich Konstruktion und Bauweise eines Ökonomiebaus schlecht für den Umbau in Wohnraum eignen. Gefragt seien architektonisch hochwertige Lösungen.

Mit seiner progressiven, auf eine zeitgenössische Antwort auf bauliche Fragen bestehenden Haltung hat es der Heimatschutz bei den Eigentümern oftmals schwer. Exemplarisch zeigte sich das nach dem Brand der Wiesner Alp im 
Jahr 2007, einer Siedlung von alten Maiensässbauten. Im Anschluss liess der Heimatschutz einen Musterbau für die zerstörten Maiensässe entwerfen, der aber wegen seiner modernen Interpretation auf breite Ablehnung stiess.

Wie ein gelungenes Beispiel eines Stallumbaus aussehen könnte, beschreibt Heimatschutz-Geschäftsführerin Ludmila Seifert in der aktuellen Nummer des «Bündner Monatsblattes» vor. Ein ortsbildprägender Stall am Dorfrand von Vignogn wurde durch den Haldensteiner Architekt Michael Hemmi mit viel Aufwand und Geschick in ein Ferienhaus verwandelt. «Jedwede Konzession an den grassierenden Alpenchic liegt Hemmi fern», heisst es dort, «der Verzicht auf suggestive Alt-Neu-Kontraste tun in diesem Kontext wohl.»

Seifert stellt aber auch fest, dass die in Vignogn erreichte Qualität im Rahmen von Stallumnutzungen unüblich und auch nicht umsonst zu haben ist. Sie warnt davor, dass die Bündner Standesinitiative zu Bausünden führen könnte, welche in exponierten Lagen besonders schmerzhaft sind. Daran hätte wohl auch Grossvater keine Freude.

Die Gründe bleiben unerforscht
Bereits heute können Stallbauten zu Wohnzwecken umgebaut 
werden, und zwar Gruppen von mindestens fünf Ställen in 
Erhaltungszonen, verstreute Stallbauten, die landschaftsprägend sind, oder schützenswerte Stallbauten. Erhaltungszonen sind speziell ausgeschiedenen Zonen und werden von Gemeinden oder Regionen benannt und beschlossen, ohne 
Zutun des Kantons. Dieses Mittel wird jedoch selten angewandt. In ihrer Antwort auf den Auftrag 
Crameri stellt die Regierung in Aussicht, den Gründen dafür nachzugehen. Das wird sie nun, nach Annahme des Vorstosses, nicht mehr tun, wie Departementsjurist Carlo Decurtins ausführt. «Solche Abklärungen würden sich nämlich als nutzlos herausstellen, falls 
die Standesinitiative effektiv zur beabsichtigten Liberalisierung 
führen würde.» (jul)

 

Erschienen im Bündner Tagblatt, 13. August