Chez Giacometti

Zu Alberto Giacomettis 50. Todestag macht das Talmuseum Ciäsa Granda das Atelier der Giacomettis 
in Stampa zugänglich. Eine hochkarätige Ausstellung zeigt parallel dazu Werke, die an diesem Ort entstanden sind.

Ob der Alte schimpfen wird? Alberto öffnet noch einmal leise die Ofentüre, steckt das spitze Eisen hinein und lässt es anglühen. Drüben vor dem grossen Fenster sitzt Vater Giovanni vor der Staffelei und mischt die Farben an. Alberto nimmt den Metallstift aus dem Feuer und beginnt gleich rechts des kleinen Ofens sein heimliches Werk: zwei Augenbrauen, zusammengezogen, ein Strich für die Nase, der Mund geöffnet, als würde das Gesicht gleich einen Fluch ausstossen. So sähe der Vater vielleicht aus, wenn er wütend wäre. Aber das ist er ohnehin nur selten auf seinen Ältesten, in dem er sich selbst wiedererkennt und noch viel mehr.


Wer heute das Atelier der Giacomettis in Stampa besucht, kann sie noch gut erkennen, die Gesichter und Figuren, die der kleine Alberto neben den Ofen ins Holztäfer gebrannt hat. Eingerichtet hatte das Atelier Giovanni Giacometti, als er 1905 mit der Familie nach Stampa zog. Er hielt sich dabei an den Rat Cuno Amiets, Albertos Patenonkel und zu jener Zeit bereits ein anerkannter Künstler: Giovanni solle nur den Arbeitsbereich vier Meter hoch machen, den Rest tiefer, «das erspart Wände und im Winter Kohlen und sieht zudem noch viel gemütlicher aus.»

Amiets Rat wirkt noch heute. Hell scheint die Sommersonne durch die Fenster des umgebauten Stalles und fällt auf einen Küchentisch und eine Lampe, die beide sowohl vom Vater wie vom Sohn oft abgebildet worden sind, auf das Bett der Eltern, zwei Staffeleien und einen Schrank, dessen Türen Giovanni allegorisch bemalt hat.

Schon als Kleinkind war Alberto oft in diesem Raum und sog den Geruch von Terpentin und Farbe auf. «So lange ich zurückdenken kann, habe ich im Atelier meines Vaters gezeichnet», wird er später einmal sagen. Und: «Es gab für mich kein grösseres Vergnügen, als nach der Schule in das Atelier zu laufen und mich in meine Ecke beim Fenster zu setzen, Bücher anzuschauen und zu zeichnen.»
Seit diesem Jahr, dem 50. Todestag Albertos, ist das Atelier öffentlich zugänglich. Die Öffnung steht im Zusammenhang mit einer Ausstellung unter dem Titel «A casa» im Talmuseum Ciäsa Granda. Sie zeigt eine schöne Anzahl von Werken Giacometti, die in Verbindung mit seinem Leben und Arbeiten im Bergell stehen.
Die Zeit der langen Schatten
Zwar bildete Paris seit 1922 den Mittelpunkt seines Lebens, doch kehrte Alberto oft und gern zurück, vor allem, um die von ihm verehrte Mutter zu besuchen. Am liebsten jeweils im Herbst oder im Winter, obwohl dann kaum mehr ein Sonnenstrahl den Talboden erreicht. Seiner Mutter schrieb er, er wolle «zur Zeit der langen Schatten» wieder zurückkehren. Sie antwortete, es sei «ein Jammer, dass du die Dunkelheit liebst». Die Dunkelheit faszinierte Alberto schon in ganz jungen Jahren. In seinen Erinnerungen beschrieb er einen Felsblock unweit des Dorfes, unter dem sich eine Höhle auftat, in die er sich immer wieder zurückzog. An den Spielen und Aktivitäten der anderen Kinder nahm der Junge mit den buschigen Haaren kaum teil.
Eine der ersten Zeichnungen, an die er sich später erinnern konnte, war eine Szene aus «Schneewittchen», und zwar die Prinzessin im Kristallsarg. Alberto imitierte Werke von Albrecht Dürer, den er bewunderte. Und er modellierte im Atelier des Vaters seine erste Plastik, ohne Hemmungen oder Zögern, wie Giacometti-Biograf James Lord schreiben sollte. Natürlich stand ihm dafür der um ein Jahr jüngere Bruder Diego Modell. Die beiden pflegten zeitlebens eine enge Beziehung.
Aus der Frühphase des bald als Wunderkind gehandelten Künstlers sind in der von Beat Stutzer kuratierten Ausstellung einige beeindruckende Werke zu sehen. Eine Zeichnung beispielsweise, die den Vater beim Porträtieren des jüngsten Bruders Bruno zeigt. Oder ein Porträt von Cousine Ada, das Alberto 1920/1921 schuf. Adas Schwester Bianca war Albertos erste grosse Liebe, die jedoch unerwidert blieb. Als er Bianca modellieren wollte, scheiterte er. Es war Albertos erste grosse Erfahrung von Versagen.

Immer wieder kehrte Alberto zur Mutter zurück, immer wieder zeichnete oder malte sie. Viele dieser Werke sind jetzt in Stampa zu sehen, darunter auch das «Bildnis der Mutter des Künstlers» von 1947, das in diesem Atelier entstand. Nach dem Tod des Vaters wurde es zu Albertos Arbeitsstätte. Und zu den gebrannten Zeichnungen gesellten sich die Brandzeichen auf dem Bretterboden, die Albertos Streichhölzer hinterlassen haben. Wer Ernst Scheideggers Fotos von Alberto Giacometti betrachtet, merkt bald: Ohne Zigarette und Krawatte bekam man Alberto nie zu sehen.

Als Mutter Annetta im Januar 1964 auf dem Totenbett lag, war die gesamte Familie vereint. Albertos Reaktion auf den Verlust war, ins Atelier zu gehen und nach seiner Mutter zu rufen. Seine Frau Annette sorgte sich um den Geisteszustand Albertos, der nun auch schon 62 Jahre alt war. Nur vier Jahre sollte es noch dauern, bis auch er seinen letzten Weg ging. «Bald werde ich meine Mutter wieder sehen», murmelte er im Krankenbett. Am 11. Januar 1966 entschlief Alberto Giacometti, mittlerweile weltweit gefeiert, im Kantonsspital in Chur.

Das Begräbnis fand wenig später im Bergell statt, der Sarg aus Eichenholz wurde im Atelier aufgestellt. Bruder Diego setzte Albertos letzte Arbeit auf seinen Grabstein, «Eli Lotar III», wo sie aber nur für kurze Zeit blieb. Heute gehört sie zum Bestand der Ciäsa Granda. Auf dem Grabstein in Borgonovo zeugen heute unzählige dort abgelegte Kiesel von den Besuchen seiner Verehrer aus aller Welt.

«A Casa»: Ausstellung bis 16. Oktober in der Ciäsa Granda, Stampa. Infos unter: www.ciaesagranda.ch.