Was ist wichtig? Relevanzkriterien im (Wissenschafts-)Journalismus

Als durchschnittlicher Zeitungsleser mag man staunen: Es scheint, als passierte täglich just so viel, wie in die Zeitung passt. Dabei ist Journalismus – ob nun im Print, Online, in den elektonischen Medien oder sonstwo – ein stetes Gewichten, Sortieren und vor allem Weglassen. Ob aus Platz- oder aus Ressourcengründen, vieles schafft es nicht in die Zeitung. Doch wie auswählen?

Im journalistischen Kontext werden Themen unter bestimmten Kriterien beurteilt. Diese bestimmen ihren Nachrichtenwert. Um für ein Medium von Interesse zu sein, muss mindestens eines der Kriterien erfüllt sein. Hier sind sie:

Bedeutung: Wie sehr beeinflusst resp. betrifft das Thema das alltägliche Leben des Zielpublikums/ der Öffentlichkeit? Z.B. AHV-Reform.

Neuigkeitswert: Ist das Thema bislang unbekannt? Ist es ein neues Ereignis oder hat noch niemand darüber berichtet? Z.B. Entdeckung eines Gräberfeldes, neuester Trump-Tweet.

Nähe: Ereignisse in der unmittelbaren Umgebung des Publikums interessieren stärker. Der neue Kreisel im Dorf ist wichtiger als die Naturkatastrophe im Ausland.

Exklusivität: Vielfach tendieren Medien dazu, ihnen exklusiv zugesteckte Informationen als besonders wichtig zu verkaufen. Vgl. Sonntagspresse.

Kuriosität/Exotik: Die Abweichung von der Norm kann als Relevanzkriterium dienen. Z.B. Briefträger beisst Hund.

Personalisierung: Lässt sich das Thema personalisieren? Gibt es eine Person, an der entlang man den Sachverhalt erzählen kann? Einen “Helden”?

Kurz: ist das Thema relevant, interessant und neu?

Relevanzkriterien und Wissenschaftsjournalismus

Die gängigen Relevanzkriterien können dazu führen, dass wissenschaftliche Vorgänge nur ungenügend abgebildet werden. Während Wissenschaft oftmals in langen Prozessen und kleinen Schritten vor sich geht,  verengt sich die journalistische Perspektive meist auf das Ereignis, den Umsturz, die Sensation. Eine Entdeckung ist mit Vorteil “bahnbrechend”, eine Erkenntnis “revolutionär” und zwar so sehr dass die “Geschichtsbücher umgeschrieben werden müssen”.

oder:

Beim Transfer der Wissenschaftsvermittlung stehen wissenschaftliche Ereignisse mit Nachrichtenwert im Zentrum; es geht somit um das besonders Auffällige, das Abweichende und nicht um den wissenschaftlichen Normalbetrieb. Wissenschaft wird als Kette von Ereignissen und nicht als steter Prozess vermittelt, das heisst, es werden nur punktuell aus dem Zusammenhang gerissene Bruchstücke wissenschaftlicher Tätigkeit vorgestellt.

(Aus: Jürg Niederhauser: Das Schreiben populärwissenschaftlicher Texte als Transfer wissenschaftlicher Texte, pdf)

Mehr über Wissenschaftskommunikation in meinem früheren Post: Wissenschaft vermitteln – wozu, weshalb, warum?