„Mitnehmen kann ich ja eh nichts“: Socka Hitsch packt seine Sachen

Seit 20 Jahren steht Christian Zwicky mit seinem Marktstand in Landquart und verkauft Socken, Hosenträger 
und Taschentücher. Doch Ende Jahr ist Schluss: Socka Hitsch muss seinen Stellplatz räumen.

Die Autos hört er schon lange nicht mehr. Wir sitzen auf Klappstühlen an der Hauptstrasse, gleich bei der Autobahnausfahrt Landquart, und Christian Zwicky, besser bekannt als Socka Hitsch, erzählt munter aus seinem Leben, während reihenweise Autos, Busse und Lastwagen vorbeirauschen. Manchmal rattert die RhB oben über das Gleis. Noch ist es nur ein Gleis, aber die RhB will die Linie Landquart–Malans auf zwei Spuren ausbauen. Dafür braucht die Bahn die Wiese, auf der der 79-Jährige seinen Stand aufgebaut hat, hinten der ausgediente Churer Stadtbus, vorne ein Zelt, Tische, darauf Kartonschachteln, Koffer und Kisten. Rivella-Sonnenschirme schützen sie vor dem Nieselregen.

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Es ist Zeit, zurückzublicken. Denn nur noch bis Ende Jahr bietet Socka Hitsch hier seine Waren feil, Hosenträger, Tücher und vor allem Socken sind es, «zu 95 Prozent in der Schweiz produziert», sagt er stolz. Weil man ja das einheimische Gewerbe unterstützen müsse.

Geübter Erzähler
Socka Hitsch ist das, was man gemeinhin ein Original nennt. Auffällig im Auftreten, stets einen Hut auf dem Kopf, ein struppiger weisser Bart, kleine, von Falten umsäumte Augen, ein schelmisches Lächeln auf dem Gesicht. Und in der Hand eine Marlboro. Erzählen kann er, hat es auch schon oft getan, es gibt einen Dokumentarfilm über ihn, ein Buch und auch beim Aeschbacher war er schon.

Die Erzählung geht so: Als Adoptivsohn in Davos aufgewachsen, zog er der Lehre wegen nach Chur. Er wurde Maler, schloss mit Bestnoten ab – auch, weil er wegen eines Unfalls im letzten Lehrjahr ein ganzes Jahr lang im Spital lag und so den Stoff besser lernen konnte. Danach wollte er eigentlich in Zürich die Meisterprüfung absolvieren, doch übernahm er vorzeitig eine Malerfirma in Chur. 20 Jahre lang arbeitete er auf dem Bau, bis der Rücken nicht mehr mitmachte und er sich vom Manor als Teppichverkäufer engagieren liess.

Hier entdeckte er sein Verkäuferherz, sorgte für hohe Umsätze. Was ihm dabei zugutekam: Er engagierte sich in vielen Vereinen, bei den Kaninchenzüchtern und Fasnächtlern, baute so ein grosses Netzwerk auf. «Man kannte mich halt einfach.» Doch weil er stets schon umtriebig war und auch noch im Geschäft seiner Frau mithalf, ging er bald eigene Wege. Mit 59 sagte er dem Manor adieu und machte sich noch einmal selbstständig. Er wurde zum Socka Hitsch.

Auf den Märkten der Schweiz
20 Jahre stellt er nun schon seine Auslagen an der Strasse auf, seit zehn Jahren steht er am heutigen Standort. Neben dem fixen Verkaufsstand ist er seit jeher als Marktfahrer unterwegs, vor allem in der Ostschweiz, nur selten weiter weg. Um sich ein Zubrot zu verdienen, hängte Zwicky früher Plakate auf oder lieferte Zeitungen aus. So schaffte er es, dass es seiner Frau und Tochter stets gut ging.

Als vor wenigen Jahren seine Partnerin Ida an Alzheimer erkrankte, begann eine schwierige Zeit. Neun Jahre lang kümmerte er sich um sie, «so konnte man langsam Abschied nehmen», sagt er. Er sagt oft «man», wenn er «ich» meint.

«Man erlebt schon vieles», sagt er, und kneift die Augen zusammen. Eine seiner Lieblingsgeschichten handelt von einem Hollywood-Star: In St. Moritz hatte Socka Hitsch seinen Stand aufgebaut, es war Winter. Eines Vormittags flanierte Roger Moore vorbei, der James-Bond-Darsteller, «in jedem Arm eine Schönheit. ‘Hey, Null-null-seven, come here,’ rief ich ihm zu. Und er kam tatsächlich.» Andere bekannte Kunden waren alt Bundesrätin Ruth Dreifuss und der Künstler Rolf Knie. Auch viel Bündner Prominenz, vom alt Regierungsrat bis zum Zeitungsverleger kennt Zwicky fast jeden.

Ein Fest zum Abschied
Und so kommt es regelmässig vor, dass uns ein Autolenker beim Vorbeifahren zuhupt, während wir vor der Auslage sitzen und über die vergangenen Jahrzehnte plaudern. Noch ist wenig Wehmut zu spüren, wenn Socka Hitsch über das baldige Ende seines Standes spricht. Als Marktfahrer wird er auch im nächsten Jahr noch unterwegs sein, sofern die Gesundheit mitspielt. Vorher hat er ohnehin noch etwas vor: Am 18. Juni wird gefeiert. Socka Hitsch zieht seinen 80. Geburtstag ein Jahr vor und lädt alle Kunden zu Speis und Trank ein – gratis. Denn: «Mitnehmen kann ich ja eh nichts.»