Auch in Furna leuchten die Displays

Die Idee für eine nationale Plattform für digitale Medien wird salonfähig: Otfried Jarren propagierte sie am 8. Juli 2017 in der NZZ.
Eine ähnliche Idee habe ich bereits einmal im Bündner Tagblatt skizziert. Am 8. Oktober 2014.

Im Jahr 1878 ging in St. Moritz die erste elektrische Glühbirne der Schweiz an. Jedoch dauerte es noch eine kleine Weile, bis die Elektrifizierung auch das letzte
Bündner Bergdorf erreichte: Als eine der letzten Schweizer Gemeinden kam
das Prättigauer Dorf Furna im Jahr 1968, also erst 90 Jahre später, in den Genuss
von Strom aus der Steckdose. In der Schweiz verläuft die Verbreitung technischer
Innovationen eben oftmals in verschiedenen Geschwindigkeiten. Das gilt auch für die seit 20 Jahren andauernde digitale Revolution, die die Welt noch stärker umgewälzt hat als die Erfindung des elektrischen Lichtes.

Vielleicht muss man bis zu Gutenbergs Druckerpresse zurückgehen, um eine ähnlich weltverändernde Innovation zu finden. Schon seit den ersten Stunden des Internets suchen die klassischen Medien – Zeitungen, Fernsehen, Radio – einen Platz in dieser neuen virtuellen Welt. Und stellten in der Anfangs euphorie ihre Inhalte einfach gratis und franko ins Internet.

Heute bereuen das die privaten Unternehmen und suchen verzweifelt nach neuen Geschäftsmodellen. Während parallel dazu die Auflagen sinken, weil die Konsumenten ihr Verhalten verändert haben, die traditionellen Medienhäuser diese Veränderung aber verschlafen haben.

In die Bresche springen neue Unternehmen wie Buzzfeed oder Huffington Post, deren Namen vor fünf Jahren noch kaum jemandem ein Begriff waren. Wie dramatisch der
Einbruch der Leserzahlen ist, zeigen die alljährlich erhobenen Daten der AG für Werbemedienforschung (Wemf). Demnach verlor etwa der «Blick» innert eines Jahres
neun Prozent seiner Leserschaft oder fast 15 800 verkaufte Exemplare.

«Tages-Anzeiger» und NZZ verloren jeweils rund fünf Prozent. Fallende Auflagen bedeuten fallende Anzeigenerlöse, was umso schlimmer ist, da die Werbung ohnehin abwandert, ins Fernsehen und ins Internet. Ein Bereich des Journalismus leidet in einem geringeren Mass an den Einbrüchen an der Leser- und Werbefront: der Lokaljournalismus.

Genannt seien etwa der «Walliser Bote», die «Thurgauer Zeitung» und die «Freiburger Nachrichten», aber auch die Gesamtausgabe der «Südostschweiz », in die das BT eingerechnet ist. Lokalzeitungen wie das «Pöschtli», das kürzlich sein 125-Jahr-Jubiläum feierte, stehen ebenfalls auf stabilen Füssen. Das erstaunt letztlich wenig. Das Lokale ist eine Nische, die die grossen Tageszeitungen aus den Zentren nicht abdecken können. Diese stehen vielmehr in einem (inter-)nationalen Konkurrenzkampf. Im Lokalen hingegen gibt es noch keine ernst zu nehmende Konkurrenz im Internet. Auch hier gilt, dass Innovationen an der Peripherie generell verspätet Einzug halten. Die  Elektrifizierung Furnas lässt grüssen.

Unbestritten ist: Der Medienmarkt ist im Wandel, wenn auch nicht überall mit demselben Tempo. Zugleich blüht das Geschäft mit der (wissenschaftlichen)
Beobachtung der Medien, es gibt ein Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft, das ein Jahrbuch zur Qualität der Medien herausgibt, neuerdings eine
Stiftung für die Medienqualität und eine Eidgenössische Medienkommission.

Diese kommt zum Schluss, die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der Medien hätten zu
einem Qualitätszerfall geführt. Gemäss der Kommission braucht es deshalb neue Wege in der Medienförderung, etwa eine Stiftung, die besonders wertvolle journalistische Leistungen fördert. Eine Art Pro Helvetia für die Medien, die Projekte ermöglicht, die am
freien Markt nicht finanzierbar sind. Dabei hat die Kommission etwas missverstanden. Die Medien haben nicht so sehr ein Qualitätsproblem – es wird heute vermutlich besserer Journalismus gemacht denn je – als ein Vertriebsproblem.

Das Geschäft mit dem Drucken und Verteilen der Zeitung lohnt sich nicht mehr, der digitale Weg lohnt sich noch nicht. Aber über kurz oder lang wird das Papier vom Bildschirm abgelöst, ob in Zürich oder in Furna. Die Branche wird nicht umhin
kommen, eine zukunftsfähige Distributionsform zu finden. Zukunftsfähig heisst: bedienerfreundlich. Denn die Bereitschaft, für journalistische Inhalte zu
bezahlen, ist nicht einfach verschwunden – es ist heute oftmals schlicht zu
kompliziert. Die Musikbranche hat mit iTunes vorgemacht, wie es geht (und
die Strombranche, um beim Beispiel zu bleiben, mit der Netzgesellschaft Swissgrid).
Die überschaubare Schweizer Zeitungsbranche müsste das Modell einer
medienübergreifenden Plattform, das in Holland bereits erste Erfolge feiert,
nur adaptieren. Wieso nicht mithilfe von Bundes- und Stiftungsgeldern? Sie
wären hier besser investiert als in Kommissionen und Qualitätsmonitorings.