Was geht uns das an?

Ein Kommentar zum Umgang des Kantons Graubünden mit dem Thema Zwangsmassnahmen. Erschienen am 24. Mai 2017 im Bündner Tagblatt.

Wie weit gehen uns die Taten unserer Vorfahren etwas an? Sind wir in irgendeiner Form mitverantwortlich? Gibt es so etwas wie eine Kollektivschuld? Und, falls ja, wie kann sie aus der Welt geschafft werden? Diese Fragen stellen sich von Neuem, wenn man die vom Kanton Graubünden finanzierte Studie zu den fürsorgerischen Zwangsmassnahmen im 19. und 20. Jahrhundert liest.

In einer beeindruckenden Breite haben die Forscher Fakten und Indizien  zusammengetragen, die ein beschämendes Bild der behördlich verfügten  Zwangsmassnahmen in unserem Kanton zeichnen. Waren es die Gesetze, die aus heutiger Sicht ungenügend waren – oder waren es die Menschen an den Schreibtischen, die diese Gesetze falsch anwendeten?

Menschenrechte? Lieber nicht

Diese Frage wird von der Studie nicht letztgültig geklärt. Und sie wird es wohl auch nie. Der Kanton war der unrühmliche Vorreiter einer Praxis, die schweizweit gängig war. Dabei ging er jedoch weiter als viele andere. Ein Beispiel: In den  Ausführungsbestimmungen zum  Zivilgesetzbuch, das die administrative Versorgung von «liederlichen» oder «arbeitsscheuen» Personen ermöglichte, sprach der Grosse Rat den Betroffenen explizit das Recht ab, sich anwaltschaftlich vertreten zu lassen – ein Gesetz also, das offensichtlich der Erklärung der Menschenrechte widersprach. Kein anderer Kanton kannte eine solche Regelung.

Auch wenn vielfach auf die Missstände in den Verfahren und in den Anstalten und Kinderheimen hingewiesen wurde – richtig dagegen einschreiten wollte die tonangebende Mehrheit doch nicht. Die Vormundschaftsbehörden, personell und finanziell unterdotiert und vom Kanton kaum beaufsichtigt, konnten sich nach der Art von Talkönigen unliebsamen Menschen entledigen, indem sie sie nach Cazis in die Anstalt Realta zur «Korrektion» schickten. Und zwar bis in die 1980er-Jahre.

Natürlich: Es darf angenommen werden, dass die Behörden zumeist nach bestem Wissen und Gewissen handelten, dass sie das Wohl der Gesellschaft und des Einzelnen im Blick hatten – und doch, in der Rückschau kann festgestellt werden, dass tausendfach gegen elementare Rechte von Mitbürgern verstossen wurde.

Sonderfall Graubünden

Die Zahlen seien weder höher noch tiefer als in anderen Kantonen, heisst es nun seitens der Historiker. Jedoch spielte Graubünden eben vielfach eine besonders bedenkliche Rolle im Umgang mit missliebigen Lebensentwürfen. In keinem anderen Kanton wurden auch nur annähernd so viele Familien durch das sogenannte «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» auseinandergerissen.

Dass dies auch aufgrund der vom Bündner Psychiater und Waldhaus-Direktor Josef Jörger betriebenen Sippenforschung geschah, ist mehr als eine Fussnote der Geschichte. Seine Theorie der genetischen Minderwertigkeit von Jenischen bereitete den Boden für eines der verwerflichsten Kapitel der Bündner und der Schweizer Geschichte. In dieses Bild passt der Umgang des Kantons mit dem im Zuge des Neubaus der Justizvollzugsanstalt Realta gemachten Fund eines Friedhofs: Rund 100 Insassen der Anstalt Realta, darunter mehrere Jugendliche, wurden hier zwischen 1850 und 1900 bestattet, bis der Friedhof in Vergessenheit geriet. Der Kanton will nun mit einer «schlichten Gedenkstätte» an diese Schicksale erinnern. Ist es damit getan?

Es heilt keine Wunden

2013 schloss sich der Kanton Graubünden der bundesrätlichen Entschuldigung an die Adresse der Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen an. Es wäre seltsam, wenn Graubünden sich nun noch separat für die Vergangenheit entschuldigen würde, heisst es vonseiten der Regierung. Das mag sein. Schuldeingeständnisse bringen keine Familien mehr zusammen, sie heilen keine seelischen Wunden. Und doch: Wenn es einen Kanton gibt, der um Entschuldigung bitten müsste, dann Graubünden.

Mit einer Studie allein darf das Thema nicht erledigt sein.

Update: Inzwischen macht sich der Autor Philipp Gurt in der Südostschweiz für eine Gedenkstätte stark, mit Unterstützung einzelner Parlamentarier: https://www.suedostschweiz.ch/aus-dem-leben/2017-07-22/es-war-das-dunkelste-kapitel-der-juengeren-buendner-geschichte