Auch der Frust staut sich

Eine Glosse über den Verkehr, erschienen am 19. Juli 2017 im Bündner Tagblatt.

Die eigene Dummheit ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. Zum Beispiel letzten Samstag auf der Fahrt von Thusis ins Avers. «Versuchen wirs mit der Autostrasse», dachte ich, «man weiss ja nie, vielleicht ist uns das Glück ja hold.» Falsch gedacht. Und so dauerte die Fahrt statt 40 Minuten satte 80.

Eigentlich weiss es jedes Kind zwischen Felsberg und Hinterrhein: Am Wochenende zur Ferienzeit über die A13 fahren zu wollen, ist hoffnungslos. Immerhin nicht aussichtslos: So im stehenden Wagen bei sengender Hitze und blauem Himmel hat man endlich Zeit, die Landschaft zu betrachten.

Das schöne Schams zum Beispiel. Dass noch kein findiger Hotelier darauf gekommen ist, die Stau-Staunenden mit grossen Buchstaben zur nächsten Ausfahrt zu lotsen, ist eigentlich ein Rätsel.

Blühende Landschaften

Dabei hoffte man damals, vor genau 50 Jahren, als der San-Bernardino-Tunnel und mit ihm die A13 eröffnet wurde, genau darauf: Dass jene, die den neuen Weg über die Alpen unter ihre vier Räder nehmen, die Täler und Dörfer entlang der Strasse entdecken und so den Tourismus zum Aufschwung führen würden.

«Fast der ganze Automobilverkehr, vor allem während der nahezu neun Monate, da die Alpenpässe in der Regel geschlossen sind, würde durch unsere Talschaften geleitet. Es würde Leben in unsere Täler bringen. Vor allem das Gastgewerbe würde davon Nutzen ziehen.» Das schrieb Giuseppe a Marca, der Misoxer, der als einer der Ersten die Idee hatte, statt eines Ostalpenbahntunnels doch besser einen Autotunnel durch den San Bernardino zu bauen. Das war 1932, notabene kaum zehn Jahre, nachdem in Graubünden das lange aufrechterhaltene Automobilverbot gefallen war. Der Mann war ein Visionär, zweifellos.

Böse Blicke, leise Flüche

Was a Marca und seine Mitstreiter wohl sagen würden, wenn sie heute die Reise von Mesocco nach Chur unternähmen, beispielsweise an einem Sonntag im Juli? Sie müssten die Strasse mit 12 000 anderen teilen, und käme es zu einem Unfall, würden sie durch die Dörfer umgeleitet werden, wo die Einheimischen ihnen mit vorwurfsvollen Blicken leise Flüche hinterher schickten.

Denn für die Bevölkerung entlang der Strasse ist der erhoffte Aufschwung nicht eingetreten – zumindest gefühlsmässig nicht. Am San Bernardino bewahrheitet sich eine alte Verkehrshistoriker-Weisheit: Schnellere Strassen bringen vor allem Vorteile für die Zentren, die sie verbinden, und wenig für die Landstriche, durch sie führen.

Entlang der A13 versucht man, das Beste aus der Situation zu machen. Die Raststätte Viamala beispielsweise ist ein gelungenes Schaufenster für die Region, in dem sich der Durchfahrende sogar mit echtem Schamser Stroh für seine Zwerghasen eindecken kann.
Es ist ja nicht zu bestreiten, dass die Strasse auch Arbeitsplätze gebracht hat, von der Schneeräumung über den Pannendienst bis zur Verkehrspolizei und zum Unterhalt.

Die Baubranche freut sich in diesen Jahren beispielsweise darüber, dass das Bundesamt für Strassen an mehreren Stellen Sicherheitsstollen zu den bestehenden Tunnels baut. Für 
125 Millionen Franken werden vier Stollen gegraben, welche die Sicherheit der A13 weiter erhöhen sollen.

Zwei Kurven für die Sicherheit

Sicherheitsbedenken gab es schon damals, als man über die Machbarkeit eines Tunnels sprach. Der San Bernardino sollte bei seiner Eröffnung der längste Autotunnel der Schweiz sein. Was natürlich Fragen aufwarf. Die Lüftung war die eine, die Furcht vor Unfällen bei derart langen Tunnels die andere.

Und doch liess man die Idee für einen Autoverlad bald fallen. Immerhin versah man die Linienführung mit zwei leichten Kurven, auf dass die Fahrt durch den 6600 Meter langen Tunnel weniger monoton erlebt würde.

Doch zurück auf die Strasse, zurück in den Stau. Denn dem Nachwuchs, der dem Ganzen schon bald nichts mehr abgewinnen konnte und zunehmend unleidig im Fond des Autos sass, war das alles herzlich egal. Jetzt staute sich der Frust.