Kopf oder Zahl?

Eine Glosse über grosse Entscheidungen

Manchmal, wenn ich nicht recht weiss, ob ja oder nein, dann werfe ich eine Münze. Sicher, man sollte wichtige, 
lebensverändernde Entscheidungen nicht dem Zufall überlassen. Sagt der gesunde Menschenverstand. Doch, sollte man, sagt die Wissenschaft: Der US-Ökonom Steve Levitt liess in einem Experiment 20 000 Menschen grosse Entscheidungen – den Job kündigen, sich verloben, die Ehe scheiden – durch einen Münzwurf fällen.

Ein halbes Jahr später fragte er bei seinen Probanden nach. Und das Resultat war deutlich: Jene, die sich dem Verdikt der Münze fügten und sich für die Kündigung, die Verlobung oder die Scheidung entschieden hatten, waren unter dem Strich «substanziell glücklicher» als jene, die beim Status quo geblieben waren.

Rund 680 Personen in Graubünden treffen jährlich eine solche Entscheidung. 2016 zählte das Bundesamt für Statistik nämlich 342 Scheidungen, fast eine pro Tag. Auf die Bevölkerungszahl bezogen liegt Graubünden auf Platz acht der scheidungsfaulsten Kantone in der Schweiz – besonders entscheidungsfreudig ist man hierzulande also nicht in Sachen Liebe.

Ähnlich verhält es sich in der Berufswelt, vermutlich zumindest. Den einen einzigen Indikator für die Wechselwilligkeit in beruflichen Dingen gibt es nicht. Vielleicht diesen: Rund 1000 Unternehmen werden in Graubünden jährlich gegründet, womit der Kanton im Mittelfeld liegt, wenn man die Anzahl Gründungen mit ähnlichen kantonalen Volkswirtschaften vergleicht. Kritiker werden jetzt sagen, daran trügen schlechte Rahmenbedingungen, falsch gesetzte Anreize des Staates oder ein verkehrt aufgesetztes Wirtschaftsamt eine Mitschuld – aber vielleicht werden auch einfach zu selten Münzen geworfen.

Die Liebe und der Job sind zwei Dinge, die uns als Menschen definieren. Ein drittes ist der Lebensmittelpunkt. Ob jene 550 Bündner, die 2016 die Schweiz verliessen, um sich im Ausland eine Existenz aufzubauen, auf Kopf oder Zahl gesetzt haben, entzieht sich freilich der statistischen Erfassung. Ebenso, wie es jener Person ergeht, die ihr Glück in Tadschikistan sucht. Wir senden die besten Wünsche.

Die Liebe wagen (oder den Bruch damit), einen neuen Job suchen (und den alten verlassen), ins Ausland gehen (oder zurückkehren): Die Möglichkeiten, unser Leben grundsätzlich zu verändern, sind beschränkt. Zögern gehört zur menschlichen Natur wie die Angst vor dem Zahnarzt. Das hat sogar ähnliche Gründe: In beiden Fällen winkt die Belohnung für den eigenen Wagemut erst in der Zukunft, wenn überhaupt. Unmittelbar ist jedoch der Trennungsschmerz, ob nun vom Zahn oder vom Zuhause.

Da hilft nur der Münzwurf. Die Wissenschaft meint nämlich auch, dass die meisten Entscheidungen bereits gefällt sind, wenn sie den Kopf erreichen. Dort folgt lediglich die Rechtfertigung. Wer also die Münze wirft und sich plötzlich mit Ja oder Nein konfrontiert sieht, merkt ziemlich bald, ob das nun tatsächlich die Entscheidung ist, die der Bauch längst für den Kopf gefällt hat.